Europas Arzneimittelkrise: Streit um Lagerbestände und China-Abhängigkeit
Nina BauerEuropas Arzneimittelkrise: Streit um Lagerbestände und China-Abhängigkeit
Europas Abhängigkeit von Arzneimittelimporten hat unter Branchenführern und Versicherern eine hitzige Debatte ausgelöst. Auf der Jahreskonferenz des Handelsblatt gerieten Vertreter in Streit darüber, ob der europäische Pharmasektor auf mögliche Lieferengpässe vorbereitet ist. Während einige die bestehenden Lagerbestände für ausreichend hielten, warnten andere vor dringendem Investitionsbedarf, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern.
Laut Tim Steimle, Leiter Pharma bei der Techniker Krankenkasse, verfügt das deutsche Gesundheitssystem derzeit über Arzneimittelreserven für sechs Monate. Er verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend in umfassendere Liefervereinbarungen überführt worden seien – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Steimle begrüßte zudem Pläne für ein Freihandelsabkommen mit Indien als Schritt zur Erschließung alternativer Bezugsquellen.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland, widersprach der Annahme, dass sechsmonatige Reserven automatisch für Krisenfestigkeit sorgten. Seiner Meinung nach erfordere Vorsorge klare Szenarien statt willkürlich festgelegter Lagerziele. Inanc stellte auch die vermeintliche Robustheit der Logistikketten infrage und forderte eine offene Debatte über die Risiken.
Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), hielt die Bevorratung von Generika für wenig sinnvoll. Stattdessen plädierte er für mehr Investitionen in Forschung und Produktion, um die europäischen Schwachstellen zu beheben. Unterstützung erhielt er von Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, der die "Handels-zuerst"-Strategie der EU kritisierte, die die heimische Generikaproduktion schwäche.
Die Bundesregierung hat zwar die Abhängigkeit von China bei Antibiotika und Generika eingeräumt, konkrete Maßnahmen stehen jedoch noch aus. Branchenvertreter wie Fresenius-Chef Michael Sen bemängelten das fehlende hochrangige Engagement im Vergleich zu den USA, wo die Produktion bereits zurückverlagert werde. Gefordert werden weiterhin die Identifizierung kritischer Arzneimittel, der Ausbau der europäischen Produktion und Reformen von EU-Vorschriften wie PFAS und KARL, um die Abhängigkeit von China nicht weiter zu vertiefen.
Die Diskussion offenbarten tiefe Gräben in der Frage der Arzneimittelversorgungssicherheit Europas. Während Versicherer auf bestehende Schutzmechanismen verwiesen, betonten Industrievertreter den Bedarf an Investitionen und politischen Weichenstellungen. Ohne Kurskorrektur dürfte die Abhängigkeit des Kontinents von ausländischer Pharmaproduktion weiter bestehen.






